Meine Rede beim 8. Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement-Fachkongress

Ich bin aufgewachsen in der Borsigstraße, in einer kleinen Stadt im bayerischen Schwaben. Diese Straße war nicht unbedingt die schönste in der Stadt –  ringsum Hochhäuser der 70er Jahre, große Parkplätze zwischen den Häusern und Grünflächen mit sichtbaren Schildern: “Betreten verboten!”.

Wir Kinder mussten drinnen bleiben, damit Autos draußen spielen konnten. Als 10-Jährige war mein Kampfgeist damit geweckt. Mit meinen Freundinnen zog ich von Tür zu Tür, um Unterschriften für unser Recht auf Spiel auf diesen Grünflächen zu sammeln. Obwohl nicht alle Nachbarn unser Projekt unterstützt haben, haben viele ihre Türen geöffnet und uns zugehört.

Wir waren nur bedingt erfolgreich: Am Ende hatten wir ein kleines Stück Spielplatz erobert, aber Ballspielen, und so ziemlich alles, was Spaß macht, war weiterhin nicht erwünscht. Uns Kindern war es genug. Wir eroberten Raum und Zeit und lachten, weinten und lernten Deutsch von- und miteinander.

In diesem Stadtteil leben noch immer viele zugewanderte Menschen. Einige sind weggezogen, aber andere sind dazugekommen, auf der Suche nach einer neuen Heimat.

In diesem Stadtteil gewann die AfD bei den letzten Bayernwahlen 43 Prozent der Stimmen. Das Miteinander in der Nachbarschaft hat sich spürbar verändert –  es ist dort misstrauischer und kühler geworden. Ich glaube, heute ist es nicht mehr so leicht, einfach an den Türen der Nachbarn zu klopfen.

Mit diesen Bildern im Kopf habe ich vor kurzem eine Rede in Berlin gehalten, um den 8. Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement-Fachkongress im Rahmen des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen“ zu eröffnen.

Meine Worte waren an die haupt- und ehrenamtlich engagierten Menschen gerichtet, die die gesellschaftlichen Herausforderungen nur zu gut aus ihrem Arbeitsalltag kennen.

Ich möchte ihnen Mut zusprechen; ihnen sagen: Wir brauchen genau euer Engagement, wenn wir Spaltung überwinden und Zusammenhalt stärken wollen. Mut und Zuversicht, gepaart mit einer großen Portion Optimismus und Wertschätzung.

Das Motto des diesjährigen BBE-Fachkongresses lautet „Zukunft Inklusiv[e] – Mit PatInnenschaften auf dem Weg in eine vielfältige Gesellschaft“.

Wie kommen wir einer vielfältigen Gesellschaft, an der alle Menschen teilhaben, näher?

Einer Gesellschaft, die trotz aufeinanderfolgenden Krisen zusammenhält?

Wie holen wir diejenigen, die häufig am Rand stehen, weiter in die gesellschaftliche Mitte?

Zum Beispiel mit dem  Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“, in dem sich viele Kongressteilnehmer*innen  auf verschiedene Art und Weise engagieren.

„Menschen stärken Menschen“ wurde Anfang 2016 als Patenschaftsprogramm für geflüchtete Menschen ins Leben gerufen. Sie sollten durch ehrenamtliches Engagement leichter im neuen Alltag in Deutschland ankommen und dazugehören. Seit dem Programmstart 2016 konnten insgesamt über 220.000 Patenschaften gestiftet werden!

Aufgrund seines Erfolges ist das Konzept mit den „Chancenpatenschaften“ auf Menschen in benachteiligenden Lebenssituationen erweitert worden. Seitdem können unabhängig von einem Fluchthintergrund Patenschaften für Menschen geschlossen werden, denen eine Perspektive für die Zukunft fehlt oder die durch andere Angebote leider nur schwer zu erreichen sind.

Das gilt vor allem für Kinder und Jugendliche. Die Chancenpatenschaften eröffnen ihnen Zugang zu Aktivitäten, von denen sie bisher ausgeschlossen waren – sie stärken das Miteinander, bauen Vorurteile ab und machen vor allem Spaß. Dabei entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, das geprägt ist von Toleranz und Wertschätzung. Das Gefühl, angekommen und ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft zu sein. Das Gefühl, eine Perspektive zu haben.

Dieses Gefühl greift um sich, breitet sich aus und verbessert das Klima für Vielfalt, Inklusion und Demokratie in unserer Gesellschaft. Damit sind diese Patenschaften ein Gewinn für jede und jeden von uns.

Unsere Demokratie muss jeden Tag neu mit Leben gefüllt werden. Sie braucht Menschen, die sie erhalten und gestalten und sich für die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts einsetzen. Und diese Menschen brauchen gute Rahmenbedingungen, die sie in ihrem Engagement unterstützen.

Mit dem Programm „Demokratie Leben!“ fördert das Bundesfamilienministerium seit 2015 zivilgesellschaftliches Engagement für ein vielfältiges und demokratisches Miteinander und die Arbeit gegen Radikalisierungen und Polarisierungen in der Gesellschaft.

Darüber hinaus haben wir aus dem Ministerium ein  Demokratiefördergesetz vorgelegt. Der Gesetzentwurf schafft eine Rechtsgrundlage und gute Rahmenbedingungen für die Förderung von zivilgesellschaftlichen Projekten rund um Demokratie, Vielfalt, Extremismusprävention und politischer Bildung. Die Modellprojekte von “Demokratie Leben!” – und Menschen, die sich dort engagieren – sollen so endlich mehr planungs- und finanzielle Sicherheit bekommen. Ich hoffe, dass das Parlament mit uns gemeinsam dieses Gesetz umsetzt, denn es verbessert die Teilhabechancen aller Menschen in unserem Land.

Es gibt noch so vieles, was wir gemeinsam voranbringen können. Von denen, die die Gesellschaft spalten, dürfen wir uns nicht entmutigen lassen – denn unseren Mut brauchen wir, damit auch in Zukunft Kinder zusammen auf den Grünflächen zwischen den Häusern spielen und voneinander lernen können, egal wo sie herkommen. Heute nehme ich mir ein Beispiel an der  10-jährigen Ekin, um mit Zuversicht in die Zukunft zu schauen und hartnäckig dafür zu kämpfen, dass Vielfalt, Toleranz und Miteinander überall eine Heimat bei uns finden.

 

Fotocredit: Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)

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