10) Gedanken zum Weltspieltag

Ich sitze im Zug Richtung Ulm. Es waren anstrengende Sitzungswochen und noch gestern war ich auf einer Veranstaltung der Partei zu Gleichstellung. Meine Tage sind sehr voll und mein Terminkalender lässt kaum Luft zum Atmen. Manche fragen mich, wie schaffst du das? So ein richtiges Geheimnis habe ich eigentlich nicht. Ich führe ein ziemlich langweiliges Leben und die tagtäglichen Höhepunkte verfliegen schnell.
Aber doch, es gibt ein Geheimnis: Ich spiele. Manchmal zähle ich Schritte beim Laufen, ich spiele jeden Tag Verstecken mit meinen Schlüsseln, Handy, Unterlagen, ich mache Rätselraten beim Zuhören, was könnte gemeint sein… – nein, Quatsch!  Aber ganz im Ernst: habt ihr euch mal Gedanken gemacht, wie sehr die Spiele eurer Kindheit euch geprägt haben?
Das Spielen ist eine Voraussetzung für die Entwicklung und das Lernen des Kindes. Es hat eine zentrale Rolle im Leben des Kindes und hilft ihm, die Umwelt zu erobern. Im Spiel erforscht das Kind seine Umwelt, verarbeitet seine Eindrücke und Erfahrungen und kommuniziert mit anderen. So würde es vermutlich in einem Handbuch des Spiels stehen.
So geht es selbstverständlich auch mir: Ich habe beim Spielen im Stadtpark in Senden, im Schwimmbad, auf dem Spielplatz deutsch gelernt, meine Freunde gewonnen. Meine frühesten Kindheitserfahrungen sind Straßenspiele in Tokat, meiner Geburtsstadt, mit den Kindern aus der Nachbarschaft. Seilhüpfen, Verstecken, Ball, „Evcilik“- wir malten dabei mit Holzstöcken Zimmer auf den Sandboden und richteten sie in unserer Phantasie ein und besuchten uns gegenseitig in unseren Träumen. Worin andere womöglich nur den Staub sahen, waren für uns die schönsten Mandalas auf dem Boden verborgen.

Kinder haben ein Recht auf Spiel. Das steht auch in der Kinderkonvention Artikel 32.
Der Weltspieltag am 28. Mai erinnert uns jedes Jahr mit landesweiten Aktionen daran, dass Kinder ein Recht auf Spiel haben. Dieses Jahr findet er zum 15. Mal, dieses Mal unter dem Motto „Wir brauchen Spiel und Bewegung – draußen und gemeinsam“, statt. Das ist doch selbstverständlich? Leider nicht!
Die Corona-Krise hat die Spiel-Plätze von Kindern sowie ihre Bewegungs- und Kontaktmöglichkeiten lange Zeit stark eingeschränkt. Umso wichtiger ist es jetzt, Kindern ihren Raum zurück zu geben. Sie sollen Zeit haben, für Freunde, Sport und Freizeit. Und sie brauchen ausreichend öffentliche Orte, an denen sie sich unbeschwert austoben dürfen und die sie auch selbst mitgestalten können.
Um Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, Versäumtes nachzuholen, hat die Bundesregierung das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ in Höhe von zwei Milliarden Euro für die Jahre 2021 und 2022 auf den Weg gebracht. Darauf aufbauend wollen wir ein Corona-Zukunftspaket für Bewegung, Kultur und Gesundheit schnüren und die Situation junger Menschen in und nach der Pandemie weiter verbessern.
Eigentlich setze ich damit das in der Politik um, was mich in meiner Kindheit glücklich gemacht hat. Das Recht auf Spiel. Auf Zeit mit anderen Kindern. Das Recht, einfach zu sein und nicht funktionieren zu müssen. Klingt das irgendwie sozialromantisch? Ich weiß ja, die meisten Kids spielen derzeit lieber vor dem Bildschirm, als auf der Straße. Aber sie spielen und kommunizieren dabei. Es ist ihre Zeit. Über die Gefahren sollen und müssen wir auch reden, aber auch mal zulassen, dass eine andere Welt andere Wege gehen kann. Auch sie sammeln Erfahrungen und diese werden sie prägen. Auch das Gefühl dabei zu sein, dort wo ihre Gleichaltrigen sind. Und wenn wir wollen, dass sie raus kommen, müssen wir dafür Möglichkeiten schaffen. Damit wären wir wieder bei dem Vorschlag oben.

Ich sitze im Zug und bin einfach da, ich spiele. Manchmal online, manchmal in Gedanken, manchmal schaue ich aus dem Fenster und lasse mir was einfallen. Und dann kommen die besten und kreativsten Gedanken.
Ach ja: in meiner Kindheit war das größte überhaupt eine Brotscheibe mit Butter und Zucker drauf. Gab es nur zu besonderen Gelegenheiten und an ganz tollen Tagen durften wir das Brot mit raus nehmen, auf die Straße zum Spielen. Das Brot fiel natürlich immer runter und immer auf die falsche Seite. Aber das war egal, einfach pusten und weiter geht’s!
Allein daran zu denken ist Glück. Und was macht euch glücklich?

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